Begegnungen und Erfahrungen mit der Opernsängerin Irene Haller, der Mutter Hanne Hallers – ein Tier ebnete mir den Weg Text von Christine Friese - Zeichnungen von Karin Knetsch
Meine Zwillingsschwester Karin hatte in den Nachbarort geheiratet. Als meine älteste Nichte Anja geboren war, kümmerte ich mich gelegentlich, meistens am Wochenende, um das Baby. Ich packte die Kleine in den Kinderwagen und marschierte mit ihr durch die Stadt. Unser Ziel war der Bäcker- laden in der Hauptstraße. Anja war das ruhigste Baby der Welt, so lange die „Räder rollten.“ Blieb ich stehen, fing sie jedesmal an, lauthals zu schreien. So blieb mir nichts anderes übrig, als den Kinderwagen ständig zu schieben. Eines Tages waren wir wieder unterwegs. Zunächst verlief unser Ausflug wie gewohnt, bis etwas Unerwartetes geschah: Rasch stürmte ich in den Bäckerladen, um mit meinem Kuchen schnellstens wieder herauszu- kommen, - denn Anja brüllte. Mit Schwung riss ich die Tür auf. Doch genau in diesem Augenblick wollte ein Dackel sehr eilig hinein. Vor Schreck ließ ich die Tür los und konnte sie, reflexartig, noch im letzten Moment stoppen, bevor sie den kleinen Kerl erwischte. Schuldbewusst beugte ich mich hinunter und sagte: „Ach Du liebe Güte, nun hätte ich Dich ja fast eingeklemmt, entschuldige.“ Die Hundebesitzerin, die dahinter auftauchte, lachte schallend. „Oh, das habe ich ja noch nie erlebt, ein Mensch entschuldigt sich bei einem Tier!“ Ich ging langsam in die Hocke, hielt dem Dackel meine Hand vor die Schnauze und murmelte: „Friede.“
Der kleine Hund ließ sich von mir streicheln. Ich wechselte ein paar Worte mit seiner Besitzerin und dachte: „Okey, das war es dann.“ Doch es blieb nicht bei einem Kontakt! Einmal in der Woche musste ich von meiner Firma aus die Heimarbeiterinnen im Umkreis besuchen. Kam ich durch den Nachbarort, legte ich genau vor „meinem Bäcker“ eine Pause ein und gönnte mir ein Brötchen. Ich kaute an meinem Brötchen und sah den besagten Dackel auf mich zustreben. „Oh“, dachte ich, „der kennt Dich wieder“, was auch seine Besitzerin verblüfft feststellte. Und so lernten wir uns näher kennen. Schon von weitem winkten wir uns zu. Nach dem dritten oder vierten Mal unseres Treffens stellten wir einander vor. Ich: “Christine Friese, großes F und kleiner Riese“ – und wieder dieses herzliche Lachen. „Irene Haller.“ Ich möchte hier anmerken, dass ich mich bei der Bäckersfrau bereits über die freundliche Dame mit dem netten Dackel erkundigt hatte. Bereitwillig und sichtlich stolz hatte mir die Bäckersfrau verraten: „Das ist eine Opernsängerin – ich nehme Klavierunterricht bei ihr. Und stellen Sie sich vor – ich muss nichts bezahlen. Aber ich nehme Frau Haller immer Kuchen mit.“ Nun konnte ich Frau Haller also mit ihrem Namen ansprechen. Dabei schien mir bei der Vorstellung mein Vorname zu lang. „Ach sagen Sie doch bitte TINA zu mir!“ Diese Kurzform meines Namens habe ich seither beibehalten. Eigentlich, wenn ich es so bedenke, trage ich nun den Namen TINA seit meiner damaligen Begegnung mit Irene Haller. Irgendwann bot sie mir das Du an. Es entwickelte sich ein enger Kontakt zwischen uns. Das herzliche und liebevolle Wesen Irenes machte es mir leicht, Vertrauen zu ihr zu fassen. So konnte ich ihr auch viele persönliche Dinge erzählen. Was mir bei unseren Gesprächen besonders haften blieb – und was ich in mein eigenes Leben integrierte, war die Äußerung: „Meine Freunde suche ich mir selber aus.“ Fast fünf Jahre lang war mir Irene Haller eine nicht missen wollende Ratgeberin und Begleiterin. Bei einem unserer Treffen war Hannelore dabei. Irene machte mich mit ihrer Tochter bekannt. Diese nahm wenig Notiz von mir, schaute in die Luft und musterte ihre Schuhspitzen. Ich fand sie affektiert und distanziert. Ich wusste nicht viel von Hannelore, nur soviel, dass sie bei einer Band mit dem Namen „The Rooks“ mit viel Power Schlagzeug spielte. Irene sagte bei unserem nächsten Treffen, dass Hannelore so schüchtern sei. Vielleicht war ich mit meiner Beurteilung zu voreilig gewesen „Tina, das wird mal ne ganz Große!“ Welche Mutter würde das nicht sagen! Aber Irene hatte Recht behalten.
Aus Hannelore wurde die bekannte und beliebte Sängerin, Komponistin und Produzentin HANNE HALLER.