Sonntag, 13. November - Kirche - ein Zuhause, schön und unvollkommen
Neulich hat mich ein alter Freund in sein Haus eingeladen. Ein altes Haus am Berghang, Fachwerk, Schieferdach. So ein Haus hat Charakter. Holzdielen, Deckenbalken. Warm ist es und gemütlich. Urige Antiquitäten stehen herum. Manchmal riecht es etwas muffig. Natürlich gibt es Internetanschluss und was sonst modern ist. Mein Freund hat sich den Hühnerboden als Wintergarten ausgebaut. Das ist hübsch, fügt sich aber doch nicht ganz zum alten Haus. Er hätte wohl einen besonders guten Architekten gebraucht. Dennoch, es ist schön bei ihm.
Genauso ist meine Kirche: Wie ein altes Haus mit Charme – ja, auch manchmal etwas muffig. Es gibt meine Freikirche zwar nicht so lange wie andere altehrwürdige Kirchen. Aber auch sie orientiert sich an den Anfängen der Christenheit. Zugleich lebt sie im Heute mit Internet und Satellitenfernsehen. Manchmal fehlt der geniale Architekt, der Neues und Altes harmonisch miteinander verbinden kann. Dass die Schönheit des Alten nicht zerstört, sondern hervorgehoben wird. Dass das Neue vom Alten nicht erdrückt wird. Zum Beispiel ist es noch nicht gelungen, Männer und Frauen gleichberechtigt in Führungspositionen zu haben. Das ärgert mich schon. Und trotzdem: In dieser Kirche habe ich ein Zuhause. Dass nicht alles fertig ist, gehört dazu.
Montag, 14. November - Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander
In meiner Kirche klaffen Anspruch und Wirklichkeit auseinander. Das ärgert mich. Nächstenliebe ist uns wichtig. Aber es kommt vor, dass jemand - der Christ ist - als Chef mit seinen Mitarbeitern umgeht, als wäre allein das Geld oder die Macht wichtig. Manche sind wegen solcher Erlebnisse weggeblieben. Ist nicht alles unglaubwürdig, wenn Christen versagen, sogar Verbrechen begehen? Ich kann es verstehen, wenn jemand nichts mit der Kirche zu tun haben will.
Zwei Gründe haben mich davon abgehalten auszutreten. Erstens, ich mache auch Fehler, nicht weniger schwerwiegende. Ich rege mich über andere auf, bis mir einfällt, wo ich versagt habe.
Zweitens, ich habe in meiner Kirche erlebt, dass man mit Fehlern umgehen konnte. Es waren nicht die vollkommenen Christen - wenn es die überhaupt gibt -, die mich in meiner Kirche gehalten haben. Es waren die, die ihre Fehler eingestanden und um Verzeihung gebeten haben. Und die, die Versagern eine zweite Chance gaben. Da wurde nichts unter den Teppich gekehrt. Da wurde der hässlichen Wahrheit ins Auge geschaut. Schuld ist immer hässlich. Und doch gab es ein neues Miteinander.
Zugegeben, das erlebe ich viel zu selten. Schade! Schließlich glauben wir Christen an einen Gott, dem kein Einsatz zu groß ist, das Böse zu überwinden: und zwar durch Vergebung und Neuanfang.