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 Nachdenkliches
Elli Offline

Administrator


Beiträge: 600

01.09.2010 10:54
Die kleine Seele Zitat · antworten




Eine kleine Seele spricht mit Gott


Einmal, vor zeitloser Zeit, da war eine kleine Seele, die sagte zu Gott: "Ich weiß,
wer ich bin!" Und Gott antwortete: "Oh, das ist ja wunderbar! Wer bist du denn?"
Die kleine Seele rief: "Ich bin das Licht!" Und auf Gottes Gesicht erstrahlte das
schönste Lächeln. "Du hast recht", bestätigte er, "du bist das Licht!" Da war die
kleine Seele überglücklich, denn sie hatte genau das entdeckt, was alle Seelen im
Himmelreich herausfinden wollen. "Hey", sagte die kleine Seele, "das ist ja
Klasse!"
Doch bald genügte es der kleinen Seele nicht mehr, zu wissen, wer sie war. Sie
wurde unruhig, ganz tief drinnen, und wollte nun sein, wer sie war. So ging sie
wieder zu Gott. Es ist übrigens keine schlechte Idee, sich an Gott zu wenden, wenn
man das sein möchte, was man eigentlich ist.
Sie sagte: "Hallo Gott! Nun, da ich weiß, wer ich bin, könnte ich es nicht auch
sein?" Und Gott antwortete der kleinen Seele: "Du meinst, dass du sein willst, was
du schon längst bist?"
"Also", sprach die kleine Seele, "es ist schon ein Unterschied, ob ich nur weiß, wer
ich bin, oder ob ich es auch wirklich bin. Ich möchte fühlen, wie es ist, das Licht zu
sein!"
"Aber du bist doch das Licht", wiederholte Gott, und er lächelte wieder. Doch die
kleine Seele jammerte: "Ja, aber ich möchte doch wissen, wie es sich anfühlt, das
Licht zu sein!" Gott schmunzelte: "Nun, das hätte ich mir denken können. Du warst
schon immer recht abenteuerlustig. Es gibt da nur eine Sache ...", und Gottes
Gesicht wurde ernst. "Was denn?" fragte die kleine Seele. "Nun. Es gibt nichts
anderes als Licht. Weißt du, ich habe nichts anderes erschaffen als das, was du bist.
Und deshalb wird es nicht so einfach für dich, zu werden, wer du bist. Denn es gibt
nichts, das nicht so ist wie du."
"Wie?" fragte die kleine Seele und war ziemlich verwirrt.
"Stell es dir so vor", begann Gott, "du bist wie der Schein einer Kerze in der Sonne.
Das ist auch richtig so. Und neben dir gibt es noch viele Millionen Kerzen, die
gemeinsam die Sonne bilden. Doch die Sonne wäre nicht die Sonne, wenn du
fehlen würdest. Schon mit einer Kerze weniger wäre die Sonne nicht mehr die
Sonne, denn sie könnte nicht mehr ganz so hell strahlen. Die große Frage ist also:
Wie kannst du herausfinden, dass du Licht bist, wenn du überall von Licht
umgeben bist?"
Da sagte die kleine Seele frech: "Du bist doch Gott! Überlege dir halt etwas!"
"Du hast recht!" sagte Gott und lächelte wieder. "Und mir ist auch schon etwas
eingefallen. Da du Licht bist und dich nicht erkennen kannst, wenn du nur von
Licht umgeben bist, werden wir dich einfach mit Dunkelheit umhüllen."
"Was ist denn Dunkelheit?" fragte die kleine Seele. Gott antwortete: "Die
Dunkelheit ist das, was du nicht bist." "Werde ich Angst davor haben?" rief die
kleine Seele. "Nur, wenn du Angst haben willst", antwortete Gott. "Es gibt
überhaupt nichts, wovor du dich fürchten müsstest, es sei denn, du willst dich
fürchten. Weißt du, die ganze Angst denken wir uns nur selbst aus."
"Oh!", die kleine Seele nickte verständig und fühlte sich gleich wieder besser. Dann
erklärte Gott, dass oft erst das Gegenteil von dem erscheinen müsse, was man
erfahren wolle. "Das ist ein großes Geschenk", sagte Gott, "denn ohne das
Gegenteil könntest du nie erfahren, wie etwas wirklich ist. Du würdest Wärme
nicht ohne Kälte erkennen, oben nicht ohne unten, schnell nicht ohne langsam. Du
könntest rechts nicht ohne links erkennen, hier nicht ohne dort und jetzt nicht ohne
später. Und wenn du von Dunkelheit umgeben bist", schloss Gott ab, "dann balle
nicht deine Faust, und erhebe nicht deine Stimme, um die Dunkelheit zu
verwünschen. Sei lieber ein Licht in der Dunkelheit, statt dich über sie zu ärgern.
Dann wirst du wirklich wissen, wer du bist, und alle anderen werden es auch
wissen. Lass dein Licht scheinen, damit die anderen sehen können, dass du etwas
Besonderes bist." "Meinst du wirklich, es ist in Ordnung, wenn die anderen sehen
können, dass ich etwas Besonderes bin?" "Natürlich!" Gott lächelte. "Es ist sogar
sehr in Ordnung. Doch denke immer daran: etwas Besonderes zu sein heißt nicht,
'besser' zu sein. Jeder ist etwas Besonderes, jeder auf seine Weise. Doch die
meisten haben das vergessen. Erst wenn sie merken, dass es für dich in Ordnung
ist, etwas Besonderes zu sein, werden sie begreifen, dass es auch für sie in Ordnung
ist."
"Hey!" rief die kleine Seele und tanzte, hüpfte und lachte voller Freude. "Ich kann
also so besonders sein, wie ich will!" "Ja, und du kannst auch sofort damit
anfangen", sagte Gott, und tanzte, hüpfte und lachte mit der kleinen Seele. "Wie
möchtest du denn besonders gerne sein?"
"Was meinst du mit wie?" fragte die kleine Seele. "Das verstehe ich nicht...!" "Nun,
das Licht zu sein bedeutet, etwas Besonderes zu sein. Und das kann sehr viel
bedeuten. Es ist etwas Besonderes, freundlich zu sein. Es ist etwas Besonderes,
sanft zu sein. Es ist etwas Besonderes, schöpferisch zu sein. Es ist etwas
Besonderes, geduldig zu sein. Fallen dir noch andere Dinge ein, mit denen man
etwas Besonderes sein kann?"
Die kleine Seele saß einen Moment lang ganz still da. Dann rief sie: "Ja, ich weiß
eine ganze Menge anderer Dinge, mit denen man etwas Besonderes sein kann! Es
ist etwas Besonderes, hilfreich zu sein. Es ist etwas Besonderes, rücksichtsvoll zu
sein, und es ist etwas Besonderes, miteinander zu teilen!"
"Ja", stimmte Gott zu, "und all das kannst du jederzeit auf einmal sein - oder auch
nur ein Teil davon. Dies ist die wahre Bedeutung davon, Licht zu sein."
"Ich weiß, was ich sein will! Ich weiß, was ich sein will!" rief die kleine Seele ganz
aufgeregt. Ich möchte der Teil des Besonderen sein, den man 'Vergebung' nennt. Ist
'zu vergeben' nicht etwas Besonderes?"
"Oh ja!" versicherte Gott der kleinen Seele. "Dies ist etwas ganz Besonderes!"
"In Ordnung!" sagte die kleine Seele. Das ist es, was ich sein will. Ich möchte
Vergebung sein. Ich möchte mich selbst als genau das erfahren." "Gut", sagte Gott,
"doch da gibt es noch eine Sache, die du wissen solltest." Die kleine Seele wurde
langsam etwas ungeduldig. Immer schien es irgendwelche Schwierigkeiten zu
geben. "Was denn noch?" stöhnte sie. "Es gibt keinen, dem du vergeben müsstest."
"Keinen?" Die kleine Seele konnte kaum glauben, was Gott da sagte. "Keinen!"
wiederholte Gott. "Alles, was ich erschaffen habe, ist vollkommen. Es gibt in
meiner ganzen Schöpfung keine einzige Seele, die weniger vollkommen wäre als
du. Schau dich doch mal um."
Da sah die kleine Seele, dass viele andere Seelen sich um sie herum versammelt
hatten. Sie waren von überall her aus dem Himmelreich gekommen. Es hatte sich
nämlich herumgesprochen, dass die kleine Seele eine ganz besondere Unterhaltung
mit Gott führte, und jede Seele wollte hören, worüber die beiden sprachen. Als die
kleine Seele die unzähligen anderen Seelen betrachtete, musste sie zugeben, dass
Gott Recht hatte. Keine von ihnen war weniger schön, weniger strahlend oder
weniger vollkommen als sie selbst. Die anderen Seelen waren so wundervoll, ihr
Licht strahlte so hell, dass die kleine Seele kaum hinsehen konnte.
"Wem willst du nun vergeben?" fragte Gott. "Au weia, das wird aber wenig Spaß
machen!" brummte die kleine Seele vor sich hin. "Ich möchte mich selbst als
jemand erfahren, der vergibt. Ich hätte so gerne gewusst, wie man sich mit diesem
Teil des Besonderen fühlt."
Und so lernte die kleine Seele, wie es sich anfühlt, traurig zu sein.
Doch da trat eine freundliche Seele aus der großen Menge hervor. Sie sagte: "Sei
nicht traurig, kleine Seele, ich will dir helfen." "Wirklich?" rief die kleine Seele.
"Doch was kannst du für mich tun?" "Ich kann dir jemand bringen, dem du
vergeben kannst!" "Oh wirklich?" "Ja, ganz bestimmt", kicherte die freundliche
Seele. "Ich kann in dein nächstes Erdenleben kommen und dir etwas antun, damit
du mir vergeben kannst." "Aber warum willst du das für mich tun?" fragte die
kleine Seele. "Du bist doch ein vollkommenes Wesen! Deine Schwingungen sind
so hoch, und dein Licht leuchtet so hell, dass ich dich kaum anschauen kann! Was
bringt dich bloß dazu, deine Schwingungen so zu verringern, dass dein Licht
dunkel und dicht wird? Du bist so licht, dass du auf den Sternen tanzen und in
Gedankenschnelle durch das Himmelreich sausen kannst. Warum solltest du dich
so schwer machen, um mir in meinem nächsten Leben etwas Böses antun zu
können?" "Ganz einfach!" sagte die freundliche Seele. "Weil ich dich lieb habe!"
Diese Antwort überraschte die kleine Seele.
"Du brauchst nicht erstaunt zu sein", sagte die freundliche Seele. "Du hast dasselbe
auch für mich getan. Weißt du es nicht mehr? Wir haben schon so oft miteinander
getanzt. Ja, du und ich! Wir haben durch Äonen und alle Zeitalter hindurch und an
vielen Orten miteinander gespielt. Du hast es nur vergessen. Wir beide sind schon
alles gewesen. Wir waren schon oben und waren unten, wir waren schon rechts und
waren links. Wir waren hier und waren dort, wir waren im Jetzt und waren im
Später. Wir waren schon Mann und waren Frau, wir waren gut und waren schlecht
- beide waren wir schon das Opfer, und beide waren wir der Schurke. So kommen
wir immer wieder zusammen und helfen uns immer wieder, das auszudrücken, was
wir wirklich sind. Und deshalb", erklärte die freundliche Seele weiter, "werde ich
in dein nächstes Erdenleben kommen und der Bösewicht sein. Ich werde dir etwas
Schreckliches antun, und dann kannst du dich als jemand erfahren, der vergibt."
"Aber was wirst du tun?" fragte die kleine Seele, nun doch etwas beunruhigt. "Was
wird denn so schrecklich sein?" "Oh", sagte die freundliche Seele mit einem
Lächeln, "uns wird schon was einfallen!" Dann wurde die freundliche Seele sehr
ernst und sagte mit leiser Stimme: "Weißt du, mit einer Sache hast du vollkommen
recht gehabt." "Mit was denn", wollte die kleine Seele wissen. "Ich muss meine
Schwingung sehr weit herunterfahren und sehr schwer werden, um diese
schreckliche Sache tun zu können. Ich muss so tun, als ob ich jemand wäre, der ich
gar nicht bin. Und dafür muss ich dich um einen Gefallen bitten." "Du kannst dir
wünschen, was du willst!" rief die kleine Seele, sprang umher und sang: "Hurra, ich
werde vergeben können! Ich werde vergeben können!" Da bemerkte die kleine
Seele, dass die freundliche Seele sehr still geworden war. "Was ist? Was kann ich
für dich tun?" fragte die kleine Seele. "Du bist wirklich ein Engel, wenn du diese
schreckliche Sache für mich tun willst!"
Da unterbrach Gott die Unterhaltung der beiden Seelen: "Natürlich ist diese
freundliche Seele ein Engel! Jedes Wesen ist ein Engel! Denke immer daran: Ich
habe dir immer nur Engel geschickt!"
Die kleine Seele wollte doch so gern den Wunsch der freundlichen Seele erfüllen
und fragte nochmals: "Sag schon, was kann ich für dich tun?" Die freundliche Seele
antwortete: "In dem Moment, in dem wir aufeinander treffen und ich dir das
Schreckliche antue - in jenem Moment, in dem ich das Schlimmste tue, was du dir
vorstellen kannst-, also in diesem Moment..."
"Ja?" sagte die kleine Seele, ja...?"
Die freundliche Seele wurde noch stiller.
"...denke daran, wer ich wirklich bin!"
"Oh, das werde ich bestimmt!" rief die kleine Seele. "Das verspreche ich dir! Ich
werde mich immer so an dich erinnern, wie ich dich jetzt hier sehe!" "Gut!" sagte
die freundliche Seele. "Weißt du, ich werde mich so verstellen müssen, dass ich
mich selbst vergessen werde. Und wenn du dich nicht erinnerst, wie ich wirklich
bin, dann werde ich mich selbst für eine sehr lange Zeit auch nicht daran erinnern
können. Wenn ich vergesse, wer ich bin, dann kann es passieren, dass auch du
vergisst, wer du bist. Und dann sind wir beide verloren. Dann brauchen wir eine
weitere Seele, die in unser Leben kommt und uns daran erinnert, wer wir wirklich
sind."
Doch die kleine Seele versprach noch einmal: "Nein, wir werden nicht vergessen,
wer wir sind! Ich werde mich an dich erinnern! Und ich werde dir sehr dankbar
dafür sein, dass du mir dieses große Geschenk machst - das Geschenk, dass ich
erfahren darf, wer ich wirklich bin."
Und so schlossen die beiden Seelen ihre Vereinbarung. Die kleine Seele begab sich
in ein neues Erdenleben. Sie war ganz begeistert, dass sie das Licht war, das so
besonders ist, und sie war so aufgeregt, dass sie jener Teil des Besonderen sein
durfte, der "Vergebung" heißt. Sie wartete begierig darauf, sich selbst als
Vergebung erfahren zu können und der anderen Seele dafür danken zu dürfen, dass
sie diese Erfahrung möglich gemacht hat. Und in jedem Augenblick dieses neuen
Erdenlebens, wann immer eine neue Seele auftauchte, ob sie nun Freude oder
Traurigkeit brachte - natürlich besonders wenn sie Traurigkeit brachte -, fiel der
kleinen Seele ein, was Gott ihr einst mit auf den Weg gegeben hatte:
"Denke stets daran", hatte Gott mit einem Lächeln gesagt, "ich habe dir immer nur
Engel geschickt!"


Neale Donald Walsh

Liebe Grüsse
Elli
(Wir sind nur Gast auf dieser Welt)
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