Der Satz von Karl Marx "Religion ist Opium für das Volk", der eigentlich von dem Anglikaner Charles Kingsley stammt, kann nicht unwidersprochen hingenommen werden. Das ganze Zitat lautet nämlich: "Religion ist Opium für das Volk, solange der Prediger des Wortes Gottes das Volk zur Ergebung in Gottes unerforschlichen Ratschluss auffordert und es unterlässt, den Reichen dieser Welt das Verdammungsurteil Jesu zu verkündigen, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Himmelreich komme." In diesem Zusammenhang spricht dieser Satz nicht gegen Religion per se, sondern gegen deren Missbrauch hinsichtlich Machterhalt, Unterdrückung und Ausbeutung der Menschen. Nicht die Religion vernebelt das Gehirn und verhindert das Denken, sondern Ideologien und Heilsbringer, die paradiesische Zustände hier auf Erden versprechen und die religiöse Dimension des Menschen außer acht lassen. Denn der Mensch ist nicht nur ein materielles, sondern auch ein spirituelles Wesen. Er ist also von seinem Ursprung her auf Religion hin angelegt. Religion bedeutet RÜCKBEZUG. Sie weist auf eine geistige Macht hin, die mit uns und mit der wir in Beziehung stehen. Religion und Glaube sind nicht voneinander zu trennen. HANNE bekannte sich öffentlich zu ihrem Glauben. Sie sagte beispielsweise: "Ich komme von Gott und ich gehe zu Gott!" Nicht Marx, der für soziale Gerechtigkeit gekämpft hat, steht hier zur Debatte, sondern die Religion als Dimension des Menschseins. Wenn wir den Menschen in seiner Ganzheit betrachten wollen, können wir die religiöse Sichtweise nicht außer acht lassen. Die Antwort muss also lauten: Nicht Religion ist Opium für das Volk, sondern deren Missbrauch!
in meinem Buch stand nur dieser Satz. (365 Weisheiten und Sprüche für die mitfühlenden Fische) Daher, war es mir nicht bekannt, wie das vollständige Zitat lautet.
Ich habe einen Ausschnitt hierzu gefunden: Karl Marx (1818-83) entwickelt in seinem berühmten Text nicht nur die These von der Religion als Opium des Volkes. Für ihn ist die Religion Ausdruck des gesellschaftlichen Elends und zugleich auch Protest gegen dieses Elend. Marx bezieht sich in seinen Ausführungen auf den Philosophen Feuerbach, der Gott und die Religion als Werk des Menschen herausgestellt hatte.
Liebe Karin, ich danke Dir herzlich für Deine Erwiderung. Ich fühle mich nicht im Besitz der Wahrheit und möchte nur zu einer lebendigen Diskussion beitragen. Ja,liebe Elli, Marx war in seiner Religionskritik stark von Feuerbach beeinflusst. Feuerbach, der zuerst ein getaufter Christ war, wurde zum Religionskritiker und dann zum Antichristen. Das Christentum war ihm ein besonderer Dorn im Auge; er negierte jedoch jeden metaphysischen Bezug und erklärte das geistige Prinzip als nicht existent. Für ihn war der Mensch nur ein materielles Wesen, das aus Angst vor dem Tod das Jenseits und die Unsterblichkeit kreierte. Sowohl Feuerbach als auch Marx/Engels sind aus ihrer Zeit und ihrem Erfahrungshintergrund heraus zu verstehen - entscheidend sind die Einflussgrößen Industrialisierung und Proletarisierung - siehe Verelendungstheorie. Die Kirchen haben dabei nicht immer eine rühmliche Rolle gespielt. Wenn ich dies nicht sehen würde, müsste ich mit sozialer Blindheit geschlagen sein. Dennoch bleibe ich bei meiner Aussage: Für mich ist Religion (Rückbindung) eine anthropologische Dimension, die dem Menschen eigen ist. Wer die geistige Dimension des Menschseins leugnet, wird "der Krone der Schöpfung" nicht gerecht. Bei meiner Betrachtungsweise geht es nicht um eine bestimmte Religionszugehörigkeit (die ja kulturspezifisch ist), sondern um den ureigensten Wesenskern des Menschen.